Fahrradrabauken

Tagebau Garzweiler

Wochenend’ und Sonnenschein…

…in der Realität ist es 01.00 Uhr nachts, Freitag, an dem ersten lauen Frühlingstag im April an dem man wirklich nachts noch auf ein Kölsch draußen sitzen kann. Beste Rahmenbedingungen für gute Ideen. Das wir uns am nächsten Tag aufs Rad schwingen wollen, ist klar, aber wo es genau hingehen soll noch nicht.

Irgendwie kommen wir dann auf das Braunkohleabbaugebiet Garzweiler bei Köln

Garzweiler. Das ist das Gebiet, in dem sich Aktivisten und Aktivistinnen im Hambacher Forst einen neuen Wohnsitz in den Bäumen eingerichtet haben, um zumindest noch dieses Stück Wald vor RWE zu retten. Garzweiler ist aber auch da, wo viele Orte mit “Neu-” beginnen, in dem sich Anwohner neu einrichten mussten, da ihre Städte und Dörfer für das „Gemeinwohl“ weggebaggert wurden.

Auf eine sozialverträgliche Weise, versteht sich.

Kann man sich ja gut vorstellen, wie so was sozial verträglich ablaufen kann. IrRWEge. Wo früher also Garzweiler war, ist jetzt ein riesiges Loch und da wollen wir hin. Prost, ein Bier trinken wir aber noch.

Pünktlich, naja fast pünktlich, geht es los.

Treffpunkt ist Ehrenfeld in Köln und wir fahren einfach die Venloer Straße weiter hoch. Die ungefähre Richtung haben wir im Kopf, da wir morgens noch mal kurz in unserem Blog unter dem Menüpunkt Knotenpunkten geschaut haben. Kein Witz, es war wirklich so. Herausgekommen ist eine detailreiche Rad- und Fahrradkarte Richtung Tagebau Garzweiler (um die 50-km-Strecke ab Köln). 

 

Es ist warm, aber die Sonnenbrille sitzt, eben so die kurze Hose.

Von Ehrenfeld bis Garzweiler geht es grob gesagt immer die Venloer hoch. Vorbei am Westfriedhof …stop hier waren wir auch noch nie. Also umdrehen.
Melaten ist schon groß, kennt auch fast jeder in Köln, aber eine Schlossallee gibt es da nicht und die erwartet man zumindest nicht auf einem Friedhof. Der Westfriedhof hat so eine zu bieten, in prächtig. Sehr schön, also so schön Friedhöfe sein können. Bei der Gelegenheit können wir uns auch den ersten Schluck. In diesem Fall Wasser, da es doch schon sehr heiß ist und weiter geht es.

Wir stellen fest, dass ein Rabaukenrad vorne leicht schleift …

Fachmännisch stellen wir gemeinsam fest, dass es wohl nicht das Schutzblech ist und man einfach weiterfahren kann. Top. Warum Probleme lösen, wenn wir keins sehen.

Während sich die Kölner Häuserreihen schon längst gelichtet haben, tauchen im Hintergrund die ersten Kohlemeiler auf … kehr was ist das schön: Raps, Sonne, grüne Wiesen und der dicke Klotz mit seinen Kühltürmen fügen sich nahtlos in die Umgebung ein.

Es geht bergab, nicht nur landschaftlich, sondern auch auf der Straße. Mit ca. 30 km/h fahren wir auf eine Ampel zu.

“Ey lass uns da vorne am Radladen mal anhalten das Schleifen wird lauter …”

Das war der letzte Satz bevor wir das Vorderrad neben dem Fahrrad stehen haben, den Schlauch und Mantel auf eine neue Felge wuppen und mit einer Feile das Dingen bearbeiten in welches das verdammte neue Vorderrad noch nicht rein passt (siehe Bild unten). Zur Erinnerung: Es ist sauheiß, wir haben wenig Ahnung und hängen irgendwo vor einem Fahrradladen ohne Schatten ab.
Nachdem wir uns wohl nicht so K-L-U-K angestellt haben und der nette Mann aus dem Radladen mit den Worten “Zum Glück gibt es Leute, die das gelernt haben” das ein oder andere Mal unter die Arme greift, steht die Mühle tatsächlich wieder, fahrbereit auf der Straße! Wohuu… also weiter gehts.

Wie richtige Mechaniker

Wir sind immer noch überwältigt von unserer eigenen Leistung und davon, dass das Vorderrad nicht einfach rausfliegt weil wir irgendwas vergessen haben fest zuschrauben.
Doch die Freude hält nicht lange an, denn Hunger ist kein guter Freund und Begleiter. Besser ist jetzt doch eine richtige Pause. So sitzen wir nach unserem gelungenem Debüt als Zweiradmechaniker, 10 km vor Grevenbroich in einem netten Gasthaus auf der Sonnenterrasse. Trotz eigener Küche, dürfen wir unsere Brötchen essen und trinken dabei das erste und verdiente Radler. Selbstgeschmierten Brötchen aus den mitgebrachten Butterbrotdosen und Sonne – besser kann es eigentlich nicht werden.

Und wir haben es doch geschafft – Garzweiler, der Tagbau

Unser Zeitplan ist aufgrund der Panne etwas durcheinandergeraten und somit stehen wir erst um circa 17 Uhr am Loch. Leider ist es ziemlich diesig und man kann die gewaltigen Ausmaße teilweise nur erahnen. Ist aber auch egal, gigantisch groß ist es wahrscheinlich bei jedem Wetter. Wir fahren so nah an das Loch, wie es geht, keine Plattform aber auch keine Menschen.

Ein paar Fakten am Rande

Da wir zwar keinen Bildungsauftrag haben, aber doch etwas Aufklärungsarbeit leisten möchten. Hier ein paar Fakten zum Braunkohleabbaugebiet in Garzweiler:

  • In den vergangenen 50 Jahren 16 Orte geschluckt
  • Mehr als 11.000 Menschen mussten dafür weichen
  • Bis 2045 soll hier weitergebaggert werden, die Umsiedlung von fünf weiteren Orten geht damit einher
  • Die Feinstaubbelastung steigt immer weiter an
  • Irgendwann gegen Jahrhundertende soll dann das sog. Restloch in einen See umgewandelt werden

Letzteres hört sich erst mal nicht schlecht an, aber bis dahin sind Bodenhorizonte (Bodenschichten) sowie Feuchtbiotope erstmal trocken gelegt. Weitere, tiefgreifendere Infos findet ihr hier

 

Zurück zur Tour

Immer wieder präsent in den Medien aber auch vor Ort ist der Protest von Anwohner*innen, Aktivist*innen der Politik gegen das weitere Baggern. Aufkleber mit dem Schriftzug IrRWEge zeichnet ein ganz klares Bild des immer noch bestehenden Widerstandes rund um den Tagebau und bezeichnet bestimmt nicht den Rad- oder Wanderweg. Es gibt allerdings auch eine Radtour von Radregionrheinland mit dem schönen Namen “Energieradtour”

Noch mehr Informationen

Für alle, die sich noch mehr informieren möchten, hier noch ein Tipp: Die Partei – “Die Grünen” fahren in diesem Frühjahr auch wieder aus verschiedenen Himmelsrichtungen und an verschiedenen Zeitpunkten Richtung Tagebau. Am letzten Wochenende aus Köln und am kommenden aus Mönchengladbach. Bei Interesse schaut einfach auf die jeweiligen Seiten der Ortsverbände.

Endegelände und auch das Ende der Tour

Den Tagebau haben wir jetzt gesehen und sind immer noch von den Ausmaßen überwältigt, doch leider haben wir nicht genug Zeit eingepackt und müssen an dieser Stelle die Tour abbrechen. In der Bahn von Jüchen nach Köln (fährt stündlich und nur 39 min) merken wir, dass uns das Thema nicht so recht loslassen will und etwas betrübt, spontan beschließen auf jeden Fall ein zweites Mal zum Tagebau zu fahren. Dann aber mit der Bahn direkt nach Jüchen und mit dem Rad zurück.

In ein paar Wochen gibt es dann Teil 2 der Geschichte.

In diesem Sinne 

 

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